Sind wir das wert, was wir konsumieren?

Transkript Folge 09 „Kowall redet Tacheles“

Als ich 1982 geboren wurde gab es in Österreich folgende Dinge noch nicht: Digitalkameras, Navis, DVDs, Handys, Smartphones, Tablets, Privatfernsehen, Streamingdienste, Amazon, Mountainbikes, Snowboards, E-Scooter, Mangos, Avocados etc. etc. In den letzten 40 Jahren hat sich der Wohlstand in Österreich in etwa verdoppelt. Aber geht es den Leuten doppelt so gut wie damals? Gefühlt würden die meisten sagen: Nein! Viele ältere würden sogar sagen, damals 1980, das war die gute alte Zeit. Was ist mit den Menschen los, sehen sie nicht was wir alles haben? 

Reden wir einmal Tacheles

Über Jahrtausende war die Menschheit den Launen der Natur ausgesetzt von Dürren bis Überschwemmungen. Sie erlebte Seuchen, Elend und Hungersnöte. Das änderte sich langsam mit der industriellen Revolution vor 200 Jahren. In Europa begann sich der Wohlstand von einer kleinen Gruppe privilegierter Adeliger auf die Gesellschaft auszudehnen. Aber noch vor hundert Jahren waren Not und Elend ständige Begleiter ganzer Bevölkerungsschichten. Der große Wandel kam nach dem zweiten Weltkrieg. Wir haben bereits festgestellt, dass sich der Wohlstand in den 40 Jahren seit etwa 1980 verdoppelt hat. Aber er hatte sich in Österreich vom Krieg bis 1980 schon verdreifacht. Die Generation meiner Großeltern hat live miterlebt, wie aus Krise und Elend, aus Diktatur, Verfolgung und Krieg, plötzlich Frieden, Demokratie und Wohlstand wurden. Die Babyboomer, also die Jahrgänge meiner Eltern, sind die erste Generation der gesamten Menschheitsgeschichte, die in einer Gesellschaft ohne Not und Elend aufgewachsen ist. Auch wenn das nur für die reichen Industriestaaten zutrifft ist völlig unglaublich, dass es überhaupt passiert ist.

Stellen wir uns das Schritt für Schritt vor: Erst einmal wurde die akute Not überwunden: Behausung, Fließwasser, Heizung und die wichtigsten Lebensmittel sind garantiert. Dann wurden Kühlschränke, Waschmaschinen oder ein Gasherd für die meisten erschwinglich und haben das Leben radikal erleichtert. Die Mittelschicht brauchte nun bei den Dingen des Alltags nicht mehr genau zu kalkulieren, wann sich eine neue Kaffeekanne ausgeht, oder eine neue Bettwäsche. Zuletzt wurden noch Anschaffungen für Freizeit und Hobbies für viele selbstverständlich. Und das ist glaube ich was die breite österreichische Mittelschicht, heute subjektiv als Wohlstand empfinden: Wenn ich mir ein neues Paar Ski kaufen kann ohne, dass ich rechnen muss, dann ist das für die Österreicherinnen und Österreicher Wohlstand.

Doch in der „guten alten Zeit“, also um 1980, mussten viele beim Paar Ski noch rechnen, etliche auch bei Kaffeekanne und Bettwäsche. Aber, und das ist das entscheidende: Die Menschen von 1980 haben miterlebt, dass akute materielle Not für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung verschwunden ist. Zum ersten Mal überhaupt! Und das hat die Stimmung richtig gehoben.  

Die Glücksforschung geht davon aus, dass mehr Kaufkraft durchaus glücklicher macht. Aber es besteht ein riesiger Unterschied, ob eine Gesellschaft aus akuter materieller Not aufsteigt, oder ob ein bereits komfortabler Wohlstand noch einmal gesteigert werden kann. Denn umso höher der materielle Wohlstand wird, umso weniger zufrieden machen weitere Wohlstandszuwächse. Und hier kommen wir zum philosophischen Kern des Problems: Was ist nach Jahrtausenden des physischen Überlebenskampfes eigentlich noch das Ziel einer Gesellschaft, die gar keinen Überlebenskampf mehr nötig hat? Worum geht’s hier noch?

Diese Frage wird seit den 70er-Jahren von Intellektuellen und Hippis, von Esoterikern und Umweltschützerinnen, von Kirchenvertretern und Aussteigerinnen, immer wieder aufgeworfen. Die Antwort der Gesellschaft bleibt die alte: Materielles Wachstum. Und deshalb ist der Wohlstand auch seit 1980 weiter angestiegen. Den Menschen in Österreich geht es heute im Durchschnitt materiell so gut wie noch nie. Aber trotz des Wohlstands ist das Gefühl weit verbreitet, dass früher alles besser war. Wie passt das zusammen?

Bis in die 80er-Jahre wurde die Verbesserung der Lebensqualität als ein Aufstieg der ganzen Gesellschaft wahrgenommen. Allen ging es gemeinsam besser. Doch seitdem driftet die Gesellschaft zunehmend auseinander: bei Einkommen und Vermögen, bei der Jobsicherheit, allgemein bei den Lebenschancen. Möchte man gemeinsam mit Freunden oder Nachbarn verreisen wird klar: Nur wenn man es sich den Urlaub leisten kann, wird man buchstäblich nicht zurückgelassen. Schon deshalb möchten alle mit ihrem sozialen Umfeld materiell mithalten. Im Jahr 1980 sind die Freunde und Bekannte vielleicht noch mit dem 2CV nach Italien oder Jugoslawien verreist. Heute braucht man Geld, Geschmack und Einfallsreichtum, um eine Instragram-tauglichen Reise hinzubekommen. Alle können ihren Lifestyle, in den sozialen Medien zur Schau stellen und mit Konsum ihren materiellen Lebensstandard herzeigen. Der soziale Status einer Person hängt stark von diesem zur Schau gestellten Konsum ab.

Wenn nun die Verteilung der Einkommen ungleicher wird, dann wird nicht nur der Lebensstandard ungleicher, sondern auch der soziale Status. Irgendwer ist dann der erste in der Wohnsiedlung mit einem Flachbildfernseher oder gar einem SUV. Das setzt wiederum die Nachbarn unter Stress, sich das auch anzuschaffen und plötzlich ist man mitten drinnen, in einem Hamsterrad aus Konsum- und Statuswettbewerb. Und genau damit werden wir uns nächstes Mal beschäftigen.

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